Klassiker der Theologie – 19. – 20. Jhd.

Thérèse de Lisieux (1873-1897)

Selbstbiographische Schriften

Thérèse von Lisieux nennt man oft die „kleine Theresia“, um sie von der „großen“ Teresa von Avila zu unterscheiden. Im Karmel erhielt sie den Ordensnamen „Theresia vom Kinde Jesu und vom heiligsten Antlitz“. Die „Kleine“ war eine „Große“ durch ihre Fernwirkung und Ausstrahlung vor allem im 20. Jahrhundert. Am 2. Februar 1873 wurde sie als neuntes Kind des Ehepaares Louis und Zélie Martin in Alençon (Normandie) geboren. Von den vier Mädchen, die zur Zeit ihrer Geburt noch am Leben waren, sind drei in den Karmel von Lisieux eingetreten und die vierte später bei den Schwestern von der Heimsuchung. Diese von tiefer Frömmigkeit geprägte Familie hat der Kirche nicht nur eine große Heilige geschenkt, Papst Benedikt XVI. hat auch das Ehepaar Martin 2008 selig- und Papst Franziskus 2015 heiliggesprochen.

Marie-Françoise Thérèse wollte schon 1887 mit 15 Jahren in den Karmel eintreten. Diesem Ansinnen stellten sich aber zwei Hindernisse entgegen: nicht nur das Alter der Kandidatin, sondern auch der Umstand, dass bereits zwei ihrer Schwestern in dieser Kommunität lebten. Ihre Hartnäckigkeit erreichte schließlich doch das Ziel: 1890 konnte sie schließlich im Karmel von Lisieux die Profess ablegen. Wir können heute ihren geistlichen Weg nachvollziehen, weil sie im Auftrag ihrer leiblichen Schwester Agnes von Jesus, die von 1893 bis 1896 Priorin war, zwischen Jänner 1895 und Jänner 1896 die Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben hat (Manuskript A). Im Juni 1897 hat sie diese Niederschrift schon durch ihre Todeskrankheit gezeichnet fortgesetzt, jetzt auf Weisung der Priorin Maria de Gonzaga (Manuskript C). Dazwischen liegt zeitlich noch ein ausführlicher Brief Theresias an ihre älteste Schwester und Taufpatin Marie de Sacré-Coeur (Manuskript B). Diese drei Manuskripte wurden bald nach dem Tod der Heiligen 1896 unter dem Titel „Geschichte einer Seele“ veröffentlicht, allerdings redigiert und auch geringfügig verändert durch ihre Priorin Sr. Maria de Gonzaga. Erst nach dem Tod ihrer leiblichen Schwester Sr. Agnes von Jesus 1951 konnte eine authentische Ausgabe der drei Manuskripte erfolgen – und entsprechende Übersetzungen. Noch ein Text von und über Thérèse ist zu erwähnen: Schwester Agnes von Jesus hat „Letzte Gespräche“ mit der Todkranken aufgezeichnet (Novissima Verba). Es ist aber umstritten, wie weit da Theresia spricht und wie groß die redaktionelle Arbeit von Sr. Agnes zu veranschlagen ist. Sr. Theresia vom Kinde Jesu starb an Lungentuberkulose im Alter von 24 Jahren am 30. September 1897.

Bereits 1923 erfolgte die Seligsprechung der Kleinen Theresia und 1925 die Heiligsprechung durch Papst Pius XI. Gemeinsam mit dem hl. Franz Xaver erklärte dieser Papst sie 1927 zur Patronin der Weltmission. Schließlich erhob sie Papst Johannes Paul II. 1997 zur Kirchenlehrerin.

Der geistliche Weg der kleinen Theresia war keineswegs begleitet von einem beständigen Jubel oder Glücksgefühl. Im Gegenteil: Dunkel und Nacht waren bei weitem die Grundstimmung ihres geistlichen Lebens. Sie wusste sich solidarisch mit jenen, „die den Glauben nicht haben“, sie selbst sitze „am Tisch der Sünder“, erklärte sie. Sie geht den „kleinen Weg“ und überlässt sich dem barmherzigen Gott in ihrer Schwäche und Ohnmacht. Ihre Berufung sieht sie als Leben der Liebe im Herzen der Kirche.

Textausgabe:

Thérèse vom Kinde Jesus, Selbstbiographische Schriften, Einsiedeln 16. Auflage 2009.

Online:

https://de.scribd.com/doc/164422728/Therese-von-Lisieux-Selbstbiographische-Schriften

 

Romano Guardini (1885-1968)

Vorschule des Betens

Als Sohn italienischer Kaufleute 1885 in Verona geboren, wuchs Romano Guardini in Mainz auf. Nach Priesterweihe, Promotion und Habilitation über Bonaventura folgten Berufungen auf Lehrstühle für Religionsphilosophie und katholische bzw. christliche Weltanschauung in Berlin, Tübingen und München. Dort starb Guardini 1968; er liegt in der Universitätskirche St. Ludwig begraben. Die akademische Aufgabe war ihm zeitlebens wichtig gewesen. Überhaupt war ihm das gesprochene Wort – zu den Vorlesungen kamen Predigten – das bevorzugte Medium, das weiterzugeben, was ihn zutiefst bewegte und durch das er Generationen von Hörern prägte. Christologie, Ekklesiologie und Existenzdeutung waren die Hauptthemen. In allem der Wahrheit verpflichtet, wollte er von Anfang an „die Wahrheit zum Leuchten bringen“; „helfen durch die Wahrheit“ war ihm höchstes seelsorgliches Anliegen. Schon früh arbeitete Guardini führend in der Liturgischen Erneuerung und in der katholischen Jugendbewegung des Quickborn mit. Aufsehenerregend war im Kontext des 2. Vatikanischen Konzils sein „Brief“ an den Mainzer Liturgischen Kongress von 1964, in dem er die Frage stellte, „ob man, statt von Erneuerung zu reden, nicht lieber überlegen sollte, in welcher Weise die liturgischen Geheimnisse zu feiern seien, damit der heutige Mensch mit seiner Wahrheit in ihnen stehen könne.“

Immer wieder wurde und wird in der geistlichen Literatur die Frage gestellt, ob man das Beten lernen kann oder ob es nicht nur dann echt ist, wenn es spontan aus dem Herzen kommt, wenn es den Menschen dazu drängt. Guardini ist der Überzeugung, dass das Gebet der Einübung, einer „Schulung“ bedarf. Der Meister der ersten Gebetsschule war Jesus selbst. Im Wort und vor allem durch sein Beispiel hat er seine Jünger beten gelehrt. Im Laufe der Zeit entstanden viele Anleitungen und „Schulen“ des Gebetes. Die Schrift Guardinis (Berlin 1943) will bewusst nur eine „Vorschule des Betens“ sein.

Textausgaben:

Romano Guardini, Vorschule des Betens, Mainz-Paderborn 8. Auflage 1986.

Romano Guardini, Vorschule des Betens, Ostfildern 13. Auflage 2014.

 

Karl Rahner (1904-1984)

Von der Not und dem Segen des Gebetes

Karl Rahner wurde am 5. März 1904 in Freiburg im Breisgau geboren. Zusammen mit sechs Geschwistern wuchs er „in einer normalen, mittelständischen, christlichen Familie“ auf, wie er selbst schreibt. 1922 trat Karl – wie schon sein älterer Bruder Hugo ein paar Jahre zuvor – in die Gesellschaft Jesu ein. Nach dem Studium der Philosophie und Theologie waren die Stationen seines akademischen Lehrens Innsbruck, Pullach, München und Münster. Als einer der bedeutendsten Theologen des Jahrhunderts war Rahner mit seinem immensen literarischen Werk bahnbrechend und maßgebend in der Vermittlung der alten Glaubenstraditionen mit dem heutigen Stand der Wissenschaft und mit dem Suchen und Fragen der Menschen unserer Zeit. So erschloss er einen neuen Zugang zum christlichen Glauben, damit zum Geheimnis Gottes. Es blieb allerdings nicht aus, dass er angefeindet und sogar vorübergehend in seinen Veröffentlichungen durch römische Maßnahmen behindert wurde. Am Zweiten Vatikanischen Konzil nahm er als theologischer Berater der Kardinäle König und Döpfner teil. In den meisten Konzilsdokumenten ist sein nachhaltiger Einfluss festzustellen. Kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag starb Rahner am 30. März 1984 in Innsbruck. Durchgehend hatte ihn ein pastorales Anliegen bewegt: „Wenn ich dem und jenem in meinem Leben ein ganz klein wenig helfen konnte, den Mut zu fassen, mit Gott zu reden, an ihn zu denken, an ihn zu glauben, zu hoffen und zu lieben, dann – meine ich – ist das Leben der Mühe wert gewesen.“

Karl Rahner war nicht nur ein bedeutender Theologe, sondern auch ein Meister des geistlichen Lebens. Mit seinen Predigten und Meditationen hat er viele Menschen in ihrem Glaubensleben gestärkt. Das Buch „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ geht mit seinen acht Kapiteln auf Fastenpredigten zurück, die Rahner 1946 in der Jesuitenkirche St. Michael in München gehalten hat. Es bietet keine systematische Theologie des Gebetes, sondern will dem Menschen in seiner Not, nicht beten zu können, nachgehen und ihm Wege aufzeigen, die jeder auf seine Weise gehen kann. Schon in der ersten Auflage des Buches, das immer wieder neu verlegt wurde, schreibt Rahner: „Wenn wir nicht aufhören dürfen zu beten, so darf man vielleicht auch nicht aufhören, vom Gebet zu sprechen.“ Dies ist – so hofft er – vielleicht „ein ganz kleiner Anstoß für einen Anfang, den wir neu und ursprünglich machen könnten im Gebet“.

Textausgabe:

Karl Rahner, Von der Not und dem Segen des Gebetes, (Herder) Freiburg 1991.

 

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

Gemeinsames Leben

Dietrich Bonhoeffer wurde 1906 in Breslau geboren und wuchs in Berlin auf. Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Tübingen und Berlin und seiner Habilitation dozierte er ab 1931 in Berlin. Als scharfer Kritiker des aufkommenden Nationalsozialismus verließ er Deutschland bereits zwei Jahre später, kehrte aber auf Wunsch der „Bekennenden Kirche“ 1935 zurück. Seine kompromisslose christliche Haltung und seine Kontakte zur Widerstandsbewegung brachten ihn in einen immer schärferen Konflikt mit dem NS-Regime. Bewusst schlug er Angebote zur Emigration aus. Im Tegeler Gefängnis, in das er nach seiner Verhaftung im April 1943 eingeliefert worden war, erwies er sich den Mitgefangenen als ein Pastor, ein guter Hirt, dessen Leben ganz in Übereinstimmung mit dem war, was er verkündete. Am 9. April 1945, kurz vor Kriegsende, wurde Bonhoeffer im KZ Flossenbürg erhängt. Als er aus dem gemeinsamen Gottesdienst mit seinen Mitgefangenen herausgeholt wurde, waren seine letzten Worte an sie: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“

Ungefähr 1931 trat im Leben Bonhoeffers eine Wandlung ein, die sein Freund und Biograph Eberhard Bethge „die Wende des Theologen zum Christen“ nennt. Er entdeckte für sich die Bibel als Wort Gottes und beschäftigte sich immer mehr mit dem Leben in Gemeinschaft, „in Gehorsam und Gebet“. In der Leitung des Predigerseminars in Finkenwalde (1935-1937) fand Bonhoeffer die eigentliche Aufgabe seines Lebens. Zusammen mit seinen Schülern, mit denen er ein gemeinsames Leben führte, wandte er sich intensiv dem für ihn neuen theologischen Thema der Nachfolge zu und bemühte sich zugleich, sie in der christlichen Existenz Gestalt werden zu lassen. Es erwuchs eine „vita communis“ mit gemeinsamem Gebet und Meditation, mit Beichte und Abendmahl. So entstand das Buch „Nachfolge“ (1937) mit dem für Bonhoeffer zentralen Kapitel „Die Nachfolge und das Kreuz“. Die Auflösung der Kommunität durch die Gestapo ließ die Schrift „Gemeinsames Leben“ (1939) entstehen. Diese beiden Bücher fanden noch zu Bonhoeffers Lebzeiten unter seinen Büchern weite Verbreitung. Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge hat nach Kriegsende die Textsammlung herausgegeben, die viel gelesen und viel diskutiert wurde: „Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“.

Textausgaben:

Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben. Das Gebetbuch der Kirche, Dietrich Bonhoeffer Werke Bd. 5, (Chr. Kaiser Verlag) München 1987, 13-102.

Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, Hrsg. von Eberhard Bethge, Gerhard Ludwig Müller und Albrecht Schönherr, (Gütersloher Verlagshaus) München 32. Auflage 2018.

 

Madeleine Delbrêl (1904-1964)

Gebet in einem weltlichen Leben

Der Weg dieser künstlerisch und intellektuell hoch begabten Frau zu ihrem sozialen und apostolischen Engagement in Ivry, einer Arbeiter- und Industriestadt in der Bannmeile von Paris, war keineswegs geradlinig. Die am 24.10.1904 in Mussidan (Dep. Dordogne) geborene Madeleine Delbrêl bekannte in einem Rückblick auf ihr Leben: „Mit fünfzehn war ich strikt atheistisch und fand die Welt jeden Tag absurder.“ Im Alter von 20 Jahren erfolgte aber eine „heftige Konversion“ – und sie ist zeitlebens eine „Bekehrte“ geblieben.

Ihr Wunsch, in den Karmel einzutreten, ließ sich aus verschiedenen Gründen nicht realisieren. Durch Abbé Lorenzo, den Seelsorger ihrer Pariser Wohnpfarre, fand sie ihre Berufung im sozialen Engagement; sie wollte ein kontemplatives Leben „mitten in der Welt“ verwirklichen. Nach einer Ausbildung zur Sozialarbeiterin ging sie schließlich 1933 mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, einer Hochburg der Kommunisten, um dort ein Sozialzentrum aufzubauen. Hier blieb sie bis zu ihrem Tod am 13.10.1964. Während der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen wurde Madeleine in den öffentlichen Sozialdienst übernommen. Nach der Befreiung Frankreichs blieb sie noch kurze Zeit im Dienst der (nun wieder kommunistisch gewordenen) Stadtverwaltung. Ihre Hochachtung für das soziale Engagement der dort Verantwortlichen hat sie zeitlebens nicht zurückgenommen. Diese Marxisten an der Basis warben um sie; das war für sie eine echte „Versuchung“. Aber zugleich wurde ihr die Unvereinbarkeit von Christsein und marxistischer Ideologie immer klarer. Nachdem Madeleine den öffentlichen Dienst verlassen hatte, war sie mit ihrer kleinen Gemeinschaft offen für vielfältige Not und Hilfsbedürftigkeit. Über den engen Horizont von Ivry hinaus war Madeleine Delbrêl mit den pastoralen Initiativen der Kirche Frankreichs in diesen Jahren engstens verbunden, vor allem mit der „Mission de France“ und dem Experiment der Arbeiterpriester. In ihren letzten Lebensjahren, schon in der Phase der Vorbereitung auf das 2. Vatikanische Konzil, konnte sie auch durch viele Vorträge und Referate, durch pastorale Expertisen, durch vielfältige Kontakte mit Bischöfen Impulse für ein christliches Leben mitten in den Verantwortlichkeiten der Welt und der Gesellschaft vermitteln.

Bald nach ihrem Tod 1964 wurden Sammlungen verschiedener Texte, Referate, Auszüge aus Briefen und Aphorismen herausgegeben und nach 1974 auch ins Deutsche übersetzt.

Authentisches Leben des Christen in der Welt von heute, das war das Anliegen von Madeleine Delbrêl. Die Welt, in der sie lebte, war eine atheistisch geprägte, säkularisierte Welt, eine Welt der Stadt. Sie versuchte in den Texten zu zeigen, wie sich Gott in den konkreten Gegebenheiten und Umständen dieses Lebens offenbart. Es geht ihr um diesen „Gehorsam“, um diese Offenheit und Hörbereitschaft Gott gegenüber, dessen Ruf sich im konkreten Leben vernehmbar macht. Die „Leute von der Straße“ sind in keiner schlechteren Situation als die Ordenschristen, nur ist ihr Weg ein anderer.

Textausgabe:

Madeleine Delbrêl, Gebet in einem weltlichen Leben, (Johannes Verlag) Einsiedeln 1974 (7. Auflage 2013).

Textsammlung:

Madeleine Delbrêl, Gott einen Ort sichern. Texte – Gedichte – Gebete, Ausgewählt, übers. und eingeleitet von Annette Schleinzer, Topos plus 644, Kevelaer 5. aktualisierte Auflage 2018.

Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße. Ein Lesebuch der Leute von der Straße, Hrsg. von Annette Schleinzer, (Verlag Neue Stadt) München 2014.

Online in Auszügen:

http://document.kathtube.com/8142.pdf

 

Thomas Merton (1915-1968)

Verheißungen der Stille / Christliche Kontemplation

Der 1915 in Frankreich geborene Thomas Merton studierte zuerst Philosophie, Kunstgeschichte und Literatur. Ab 1935 lebte er in den Vereinigten Staaten. Die Be­gegnung mit der mystischen Tradition führte ihn 1938 zur katholischen Kirche und schließlich 1941 in das Trappistenkloster Gethsemani (Kentucky/USA). Dort 1949 zum Priester geweiht lebte er dort bis zu seinem Tod 1968 als „Father Louis“. Nur viermal hat er in diesen 27 Jahren das Kloster zu einer Reise verlassen, aber seine schriftstellerische Tätigkeit hatte ihn weltweit bekannt gemacht. 67 Bücher und eine Vielzahl von Aufsätzen veröffentlichte er in diesen Jahren. Viele seiner Publikationen wurden in andere Sprachen übersetzt. Schon das erste, 1948 erschienene Buch erregte Aufsehen und wurde ein Weltbestseller, das autobiographische Werk „Der Berg der sieben Stufen“. Am 1. Juli 1948 schloss Merton das Manuskript der Schrift „Seeds of Contemplation“ ab. Die erste Ausgabe im Amerikanischen war bald vergriffen, 1951 erschien eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Verheißungen der Stille“, die in der Folge etliche Auflagen erlebte. Wie in all seinen frühen Werken ist Thomas Merton auch in dieser Schrift sehr von der patristischen und zisterziensischen Tradition und der scholastischen Theologie geprägt. Er weist den Weg zur Kontemplation, zum Einswerden mit dem lebendigen Gott im Gebet. Einsamkeit und Sammlung sind aber nie Selbstzweck, sondern Mittel, um in der Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen zu wachsen.

In der ersten Hälfte seines Ordenslebens und seiner Tätigkeit als geistlicher Schriftsteller vertiefte er sich in die christliche spirituelle Tradition. Später engagierte er sich für Fragen der Reform seines Ordens und nahm ab 1958 literarisch auch Stellung zu den politischen und sozialen Fragen, die sein Land damals bewegten: zum Vietnamkrieg, zu den Rassenproblemen und zu den Anliegen der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. 1965 zog er sich als Eremit in ein abgelegenes Waldstück seines Klosters zurück und vertiefte sich immer intensiver in die fernöstliche Spiritualität, die er als Herausforderung für die Christen ansah. Zugleich wuchs seine Verbundenheit mit dem asiatischen Mönchtum, vor allem mit dem Zen-Buddhismus.

Im Rahmen eines Kongresses einer internationalen Benediktinergruppe mit führenden asiatischen Mönchen in Bangkok hielt Thomas Merton am 10.12.1968 ein Refe­rat mit dem Titel „Marxismus und Perspektiven des Mönchtums“. In der Mittagspause an jene Tages starb Thomas Merton durch einen tragischen Unfall; man fand ihn am Nachmittag tot in seinem Badezimmer.

Textausgaben:

Thomas Merton, Verheißungen der Stille, Luzern (Verlag Räber) 1951 (4. Auflage 1957).

Thomas Merton, Christliche Kontemplation. Ein radikaler Weg der Gottsuche (New Seeds of Contemplation), Übers. von Bernardin Schellenberger, (Claudius Verlag) München 2010.

Univ.-Prof. Dr. Josef Weismayer