Sr. Chiara Maria

Sr-Martina-Sep15wVon den Impulsen, die ich seit Juni 2012 für die Community von Treffpunkt Benedikt schreibe, tauchte schon mehrfach der Name Martina als Überschrift auf. Nun ist sie Sr. Chiara Maria geworden, und ich verbrachte einen Nachmittag bei ihr im Noviziat der Schwestern von Mutter Teresa. Am Vormittag hatte ich einen Vortrag an der Benediktinerhochschule Sant’Anselmo über das Mönchtum heute. Theoretisch über das geistliches Leben zu sprechen ist die eine Sache; es zu erleben die andere. Am Nachmittag fuhr ich vom schönen, gut situierten Aventin über Stazione Termini zum Noviziat der Missionaries of Charity. Hier in Rom sind alle Novizinnen Europas für diesen Orden vereinigt, die zweijährige intensive Ausbildungszeit für 26 junge Frauen im weißen Habit. Sie sind in verschiedene Gruppen eingeteilt, je nach Eintritt. Sr. Chiara Maria ist zusammen mit einer Polin und zwei Spanierinnen, betreut von Sr. Imaculada, ebenfalls einer Spanierin. Von Österreich aus hatte ich die Novizenmeisterin gebeten, die österreichische Novizin besuchen zu dürfen.

Die Gegend, in der ihr Haus ist, ist vom Bahnhof vielleicht 20 min. entfernt und scheint arm zu sein. Genau an diesem Ort war früher ein Kartäuserkloster. Ich kam eine halbe Stunde zu früh an, was sonst kaum der Fall ist, aber mit der unsicheren Verkehrssituation passiert es sogar mir, einmal wo verfrüht anzukommen. J Eine Schwester mit weißem Sari und blauem Saum (so wie wir dieses aus indischer Kleidung kommende Ordensgewand der Mutter Teresa kennen) öffnete mir das Tor und führte mich auf einen Vorplatz, wo auf der einen Seite der Garten, auf der anderen die Gebäude sind. Zufällig kam Martina mit anderen Novizinnen gerade mit überfüllten Obststeigen von der Ernte aus dem Garten. Sie war überrascht mich schon zu sehen und rief im oberösterreichischen Dialekt aus: „Wir ham grad Marün brockt.“

Bis sie mit Tee und Keksen im Sprechzimmer auftauchte, blickte ich mich im näheren Gelände etwas um. An vielen Stellen waren Zitate angebracht, an Häuserwänden (oft mit Bildern der Heiligen), auf Holzscheiben, die liebevoll auf den Wegrand gelegt wurden, oder auf großen Steinen. An zwei Zitate kann ich mich in etwa erinnern: „You have once said yes to Jesus. Do not now say no to him.“ (Johannes Paul II.) Oder: „What counts is not what we do but how we love.“ Ich selbst habe an den Türstöcken von meinem Arbeits- und Schlafzimmern innen jeweils ein kleines Bildchen von der kleinen Terese und von Charles de Foucauld; sie schaue ich an, wenn ich die Zimmer verlasse. Man braucht ja nicht die eigenen vier Wände wie eine Kapelle ausstatten, aber so kleine Erinnerungen können einem helfen, das alltägliche Leben geistlich werden zu lassen – d.h. „sich davor zu hüten, Gott je zu vergessen“ (Benediktsregel 7,10).

Die Sprache der Schwestern von Mutter Teresa ist in allen Häusern Englisch. Das ist bei der internationalen Zusammensetzung wichtig. Sonst reden die Spanierinnen in ihrer Muttersprache miteinander, und unsere Martina würde nichts verstehen. Ihr merkte ich an, dass es ihr manchmal schwer fiel, deutsch zu sprechen. Ja, in ihre Sätze mischten sich ständig englische Worte. Ich blieb streng – Lehrer machen auch in der Freizeit Stress J – und wiederholte dann die Worte auf Deutsch.

Faszinierend, wie sie strahlt und in ihrer neuen Welt aufblüht. Dabei würden viele meinen, sie hätte kein freies Leben: Aufstehen um 4:40, um 21:00 die Komplet, dazwischen eine Abwechslung an Gebeten, Essenszeiten, Unterricht, Apostolat (Besuch bei Armen der Stadt). Außerhalb des Hauses mit seinem schönen Garten nie alleine. In gut einem Jahr wird sie nach der zeitlichen Profess irgendwo anders hin geschickt, wo sie die Landessprache lernen und für die Armen da sein wird. Wohin sie geht, liegt nicht in ihrer Hand. Sehr jesuanisch! Mit den Eltern darf sie einmal im Monat telefonieren, Briefe nur über die Novizenmeisterin erhalten. Was ein solches Leben erfüllend – und auch erst verständlich – macht ist die totale Hingabe an Gott. Ablenkungen sollen möglichst ausgeschaltet werden, nur eines zählt – und dieses Eine, das intime Leben mit Gott, lässt sich schwer beschreiben. Schmerzlich, wenn sie selbst merkt, wie ihr früheres Leben in Österreich immer mehr in den Hintergrund tritt, sie eine neue Identität annimmt und verkörpert – und doch so schön. Vor allem: so richtig, so stimmig. Um nichts in der Welt möchte sie ihr Leben gegen ein anderes eintauschen, fühlt sich ihrer Familie, ihren Freunden in Österreich zutiefst verbunden, aber auch wieder entzogen. Das ist schmerzlich und schön zugleich, tragisch und erhebend. Meinte das Jesus mit der Fülle des Lebens, damit, dass seine Jünger und Jüngerinnen schon auf dieser Welt alles zurückerhalten werden – und noch dazu das ewige Leben?

Für mich war dieser Besuch eine Bestärkung, alles auf Gott zu setzen – ganz von ihm her zu leben, im Vertrauen, nicht enttäuscht zu werden. Wir knieten in der Kapelle nebeneinander. Diese Stille und gemeinsame Ausrichtung auf Gott war wichtig nach dem langen Gespräch. Wir segneten uns. Dann zeigte sie mir das ganze Grundstück. Sie stellte mir ihre Mitnovizinnen vor, die durch viele Erzählungen wussten, wer ich bin, was Treffpunkt Benedikt ist. „Ich erzähle ja so viel von euch!“, bemerkte Martina, und wieder tauchte diese schmerzlich-schöne Dimension auf, von allen getrennt und auf neue, andere Weise mit ihnen vereinigt zu sein. Evagrius Ponticus (…399) definierte den Mönch als jemanden, der von allem getrennt und doch mit allen tief verbunden ist. An diesem Nachmittag erlebte ich, was er selbst – aus Konstantinopel kommend – in der ägyptischen Wüste erfahren hatte und was meine tiefe Sehnsucht vor dem Klostereintritt war und immer neu ist.