Lob des frühen Aufstehens

IMG_1312Ich weiß, dass gerade für junge Leute der Abend alles ist. Der Morgen dagegen wird als Qual erlebt oder als Chance, endlich lange ausschlafen zu können. Vielleicht entdecken manche erst mit zunehmendem Alter den Kairos der Morgenstunde – ihren Weg zu jener Welt, die jenseits des Aussprechlichen liegt. Mir ging es jedenfalls so mit dem Klostereintritt. Und so möchte ich den Lesern dieser Zeilen (zumeist junge Leute) etwas sagen, was für sie vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren bedeutungsvoll sein wird.

Für mich sind die Morgenstunden die kreative Zeit der Stille, des Gebetes und der Reflexion. Drei Stunden sind mir als Mönch jeden Tag dafür gegeben. Sie sind der Anker für oft turbulente und betriebsame Tage.

Im Kloster beginnen wir jeden Tag um 6 Uhr früh. Wir stehen freiwillig so bald auf, weil der Morgen eine besondere Zeit ist. Wenn möglich stehe ich bereits um 5:05 auf, um vor dem gemeinsamen Gebet bereits für mich allein zu sein, etwas zu lesen, zu beten, nachzudenken. Die Morgenstunden sind für einen Benediktinermönch entscheidend.

Kürzlich las ich ein Interview mit der Schauspielerin Jeanette Hain, die ungefähr so alt ist wie ich. Sie sagte etwas über den frühen Morgen, wovon ein Mönch nur lernen kann: „Eigentlich bin ich ein ziemlicher Eremit. Wenn ich morgens um vier Uhr aufstehe, dann passiert etwas in mir, weil dann noch alles still ist. Mein Kind schläft, die Nachbarn schlafen, Berlin schläft. In diesen Morgenstunden ist meine Seele noch unberührt und ganz dünnhäutig. Wenn ich so den Einstieg in den Tag finde, zieht die Stille in mich ein und begleitet mich den Tag über. Insofern haben mich diese frühen Morgenstunden gerettet.“

In den Stunden des Morgens, in denen ich auch eine fixe Lesestunde habe, entstehen dann Gedanken und Ideen, die wesentlich sind für meine Arbeit als Priester, Lehrer und Theologe. Aber ich tue bewusst in dieser Zeit nichts, was ich unmittelbar für etwas Bestimmtes brauchen kann. Eine scheinbar nutzlose Zeit, die sehr sinnvoll ist!