In eine andere Zukunft (Irland V)

Irland hat eine reiche und abwechslungsreiche Geschichte. Der katholische Glaube wurde Jahrhunderte lang verfolgt, dadurch erst recht zur Identität der unterdrückten Iren, schließlich zugelassen und zur allgemeinen Norm. Noch heute geht ein Drittel der Iren wöchentlich in die Kirche, was neben Polen einzigartig in Europa ist. Dennoch ist der Wandel spürbar – in den 1970er Jahren waren es noch 90% Messbesucher. Die Jungen wenden sich ab, aber auch Senioren treten aus der Kirche aus. Das Land, das im 19. und 20. Jahrhundert unzählige Missionare in alle Welt schickte, ja ein eigenes Priesterseminar für Geistliche hatte, die nach ihrer Weihe in die USA gingen, hat heute verglichen zu früher kaum noch geistliche Berufungen.

Innerhalb weniger Generationen kommt es zu einer Erosion des Glaubens: „It appears that many Irish Catholics believe in Jesus in the same way that Hindus believe in Gandhi, as an interesting historical figure who said inspiring things.“ Das schreibt Jon Anderson in seinem lesenswerten Artikel „Post-crash Ireland desperately needs faith“, erschienen im Catholic Herald Magazine vom 8. Mai 2015 (http://www.catholicherald.co.uk/commentandblogs/2015/05/07/post-crash-ireland-desperately-needs-the-faith/)

Dublin gerät ins gleiche post-religiöse Fahrwasser wie London, Paris oder Berlin. Irland gleicht sich der europäischen Normalität an. Der Abbruch ist auf der grünen Insel deshalb so deutlich, weil er von einem hohen Grad an Kirchlichkeit und religiöser Praxis ausgeht und innerhalb weniger Jahre passiert. Was hier abbröckelt, betrifft näher betrachtet vor allem eine bestimmte Form von irländischem Katholizismus. Anderson bemerkt, „the Irish Church is in some ways a creature of 19th-century nationalism“. Mit ihrem engen Netz konfessioneller Schulen und aktiven Pfarren war die Kirche eine parallele Gesellschaft oder auch Teil der Gesellschaft schlechthin. Schwer wiegt, dass kirchliche Organisationen einen guten Teil der Immobilien und finanziellen Beteiligungen des Landes für sich beanspruchten. Zu eng mit dem Reichtum einer Zeit verschwistert zu sein, tut der Kirche nicht gut. Der katholische Glaube passt im 21. Jahrhundert nicht mehr als die einheitsstiftende nationale Identität und mächtige Institution, sondern er muss – wieder – eine Option sein, der sich jeder frei zuwenden kann. Damit ist er auch ein Stück weit von einer politischen Vereinnahmung und ideologischen Instrumentalisierung befreit. So kann die Kirche auch wieder Alternative und Kontrast sein – zugleich aber muss sie aber auch für die Gesellschaft weiterhin eine einheitsstiftende Wirkung haben und öffentlich zugänglich und für heute anschlussfähig sein. Eine schwierige Stellenbeschreibung.

Wir sprechen deshalb von Krise, weil das nicht so ohne weiteres und ganz leicht geht. Ich denke an das Treffen mit der erweiterten Ordensleitung einer der größten Schwesterngemeinschaften Irlands, den sog. Presentation Sisters, die auch ihren weltweiten Sitz in Irland haben. Dieser Orden hat seit drei Jahrzehnten praktisch keine Neueintritte mehr. Kurzerhand musste ich umdisponieren. Mein Vortrag über Berfungspastoral machte doch unter diesen Umständen nur bedingt Sinn. Es geht hier nicht primär um neue Berufungen für diesen Orden, sondern zuerst einmal darum, den Wandel zu akzeptieren. Ich war beeindruckt von diesen klugen und einfühlsamen älteren Schwestern, wie sie in Dankbarkeit die große Vergangenheit ihres Ordens in Gottes Hände zurücklegen können, ohne Ressentiments gegenüber unsere Zeit, in der halt die jungen Frauen nicht mehr so leben wollen wie sie. Und dann kamen wir auf Ideen, wie der Kontakt zwischen Jugend und alten Konventen hergestellt werden kann – ohne dem Zwang, dass dann auch einige junge Frauen doch ins Noviziat kommen müssten: Neben dem Bürogebäude des Ordens, wo wir zusammen waren, ist eine Schule, in der keine Schwester mehr unterrichtet, auf der anderen Seite ein Altersheim für die Schwestern. Wie wäre es, wenn im Unterricht die Mädchen die alten Schwestern kennen lernen und ihre Lebensgeschichte erfahren? Oder sollten nicht junge Frauen aus Irland Schwesternkonvente in Entwicklungsländern besuchen können, ein Praktikum dort machen und so die Kirche neu kennen lernen?

Ich nehme mir mit, was in den vielen Gesprächen für mich so deutlich wurde: Doch nicht den Untergang nur zähneknirschend verwalten oder gar am status quo verbissen festhalten! Schauen, was alles Gutes geschieht, und nicht ständig mit früheren Zeiten vergleichen. Früher war es so, und jetzt ist es eben anders. Sehen, was sich neu entwickelt! Ein Ordensmann sagte in einer Diskussion: „If you want to walk on the water, you have to get out of the boat.“ Also, wir müssen uns bewegen und aus der Sicherheit aussteigen. Wir dürfen auch akzeptieren, dass eine Gesellschaft gut ohne Religion und Kirche zurechtkommt; vielleicht entsteht da eine neue Grundlage, sich wieder unbefangen dem Glauben zuzuwenden. Schließlich: Laien sind interessiert an der Spiritualität der Orden. Leute, die oft von der Pfarre kaum noch etwas erwarten, wollen an eine Ordensgemeinschaft angebunden sein; für sie ist dann das Kloster oder die Jesuitenresidenz geistliche Heimat: in Irland oder in Österreich – inmitten eines tiefgreifenden Wandels, an dessen Ende eine erneuerte Kirche stehen wird.

Einer der Vorträge von P. Bernhard in Dublin wurde von den Jesuiten mit einem Bericht ins Internet gestellt:

http://www.jesuit.ie/news/21241/

bzw.

https://soundcloud.com/jesuits-in-ireland/young-people-and-religious-life