Im modernen Dublin (Irland III)

UnbenanntDie Leute in Irland sind natürlich mehrheitlich katholisch, aber das vermittelte Lebensgefühl zeigt, dass man gut ohne Religion und vor allem ohne Kirche auskommen kann und möchte. Da braucht man nur zweimal in der bunten Hauptstadt auf- und abzugehen, ein Theaterstück eines irischen Autors besuchen (ich sah mir John B. Keanes Stück The Matchmaker im Gaiety Theatre an; kaum verwunderlich hatte es antiklerikale Untertöne) oder sich von Ordensschwestern erzählen lassen, dass für viele Menschen die Arbeit einer ganzen Schwesterngeneration diskreditiert sei, weil einige Schwestern als hart erlebt wurden und (zumeist physische) Gewalt gegenüber jungen Leuten ausübten. Das schlechte Image der Kirche zeigt sich etwa in Privatschulen, für die das Wort „katholisch“ mehr Hindernis als Werbung ist, während bei uns oder in den USA eine katholische Schule gerne auch von Eltern in Anspruch genommen wird, denen der Glaube eigentlich egal ist. Die Krise der katholischen Kirche in Irland hat ein Signalwort: abuse. Der Kindermissbrauch hat eine Lähmung herbeigeführt – z.T. selbstverschuldet, weil nicht offensiv und selbstkritisch mit diesem Thema umgegangen wurde, sondern sich die Kirche lange vor der offenen Auseinandersetzung drückte und sich zu verschanzen versuchte. So ist der Staat aktiv geworden: Im Exerzitienhaus der Karmeliten, wo ich eine eigene Eremitage im Garten bekam, sah ich bei der Rezeption einen Stoß von Zetteln liegen, die auflisten, was zum Schutz von Kindern getan wird und von kirchlichen Mitarbeitern einzuhalten ist. Das ist ein konkretes Beispiel einer gegenüber katholischen Einrichtungen verordneten child protection policy, auch wenn es kein Indiz dafür gibt, dass Ordenshäuser gefährlicher für Kinder und Jugendliche wären als andere Institutionen (im Gegenteil wird davon ausgegangen, dass in kirchlichen Institutionen es zu weniger Übergriffen kommt als in Vereinen oder staatlichen Einrichtungen). Jedoch muss man die Skandalisierung der Kirche in diesem Bereich vor dem Hintergrund der im letzten Impuls (Irland II) dargelegten religiösen Entwicklung Irlands sehen, die nach der Bestimmung und Reglementierung der Gesellschaft durch die Kirche einen z.T. heftigen anti-katholischen Affekt in der Öffentlichkeit brachte. Was für die Kirche noch schwerer wiegt ist die tiefe Enttäuschung vieler gläubiger Menschen über die Schattenseiten einer starken Kirche, die sich jetzt plötzlich als gedemütigt und schwach erlebt.

Ich hatte einen Studientag für Vocation Directors zu halten. Über 70 Verantwortliche für die Berufungspastoral von verschiedenen Orden waren aus ganz Irland angereist, was für das Interesse an einem Neuaufbruch spricht; selbst die Organisatoren waren erstaunt. Ein Schulorden, der durch den Missbrauchsskandal schwer getroffen war, war das erste Mal seit Jahren wieder bei einer solchen Konferenz vertreten; der Ordensbruder wurde überschwänglich im Kreis der anderen Ordensleute willkommen geheißen. Es war nicht unser Thema, aber in den Pausengesprächen und informellen Unterhaltungen habe ich gespürt, wie viel Kraft und Geduld den irischen Ordensleuten die Ablehnung in der Gesellschaft kosten muss. Es wurde davon gesprochen, nicht im Missbrauchsthema stecken zu bleiben und sich als Opfer einer unfairen Champagne zu sehen sowie angesichts des Desinteresses gegenüber Religion doch keine Angst davor zu haben, selbstbewusst mit der eigenen katholischen Ordensidentität aufzutreten. Bei der allgemeinen Resignation, besonders der Schul- und Krankenhausorden, ist gerade in den monastischen Gemeinschaften auch manche Erweckung zu verzeichnen. So erzählte mir die Novizenmeisterin der Trapistinnenabtei von Glencairn, dass ihre Zimmer ausgebucht sind und viele junge Frauen mit ihnen in Kontakt stehen und ihrem strengen Leben viel abgewinnen können.

Es war spannend für mich zu erleben, wie die für die Zukunft ihrer Orden engagierten Schwestern, Patres und Brüder bereit für einen Wandel sind. Für sie zählt nicht, ob die Kirche und ihre Institutionen so weitergehen wie bisher, sondern ob das Reich Gottes aufstrahlt. Die neue Rolle der Kirche in einer Welt, in der der Glaube nur eine frei gewählte Option ist und nicht mehr verordnet werden kann (auch nicht soll), wird nicht selten als Befreiung zum eigentlichen Sinn des Evangeliums und der Nachfolge Jesu gesehen. Sollten wir die Marginalisierung christlichen Glaubens und kirchlicher Kultur, die offensichtlichen Abbrüche und auch schmerzlichen Umbrüche nicht vor allem religiös deuten, von Gott her, als Ruf zur Umkehr? Dann setzen wir nicht zuerst auf die eigene Stärke und eine angeblich glorreiche Vergangenheit, sondern dürfen die Gegenwart als brüchig annehmen und die Zukunft dann gemeistert sehen, wenn wir im Heute Gott ins Zentrum stellen und entdecken, wie er im Leben unserer Zeitgenossen sich wirkt.

Bewegung kommt auch durch eine neue Apologetik, die Verteidigung des Glaubens. Gerade aktive Laien in der Kirche erheben ihre Stimme gegen unfaire Kirchenkritik in der Öffentlichkeit. Z.B. sah ich in einer irischen Zeitung einen Bericht über einen Vortrag der engagierten Katholikin Nuala O’Loan am Boston College (USA) zum Thema des Katholizismus in Irland. Sie wurde mit diesen kritischen Worten zitiert: „Papers like The Irish Times now run columns in which things are said about and imputed to Catholics which would not be tolerated in the context of Islam or Judaism, or of homosexuals or humanists.“ Sie spricht von einem „lack of understanding of what Chatolicism is about“ und davon, dass die Medien eine anti-katholische Grundhaltung fördern würden. Solche Stimmen finde ich auch für uns in Österreich interessant: Wir können einerseits die sich ändernde religiöse Lage zur Kenntnis nehmen und darin sogar die Hand Gottes erkennen, aber dennoch unserer Zeit den Spiegel vorhalten: Über eine Partei, einen Fußballverein oder die Homo-Lobby könnte man sich nie in der Öffentlichkeit derart undifferenziert und abwertend äußern, wie dies über die katholische Kirche und ihre Vertreter gang und gäbe ist. Die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen und selbstkritisch die Säkularisierung auch auf die kirchliche Dominanz vergangener Zeiten zurückzuführen bedeutet nicht, kleinlaut werden zu müssen und seine Identität als Christin oder Pater verstecken zu brauchen.