Das österliche Geheimnis

IMG_9925Wenn ich das Stundengebet nachhole, verwende ich gerne fremdsprachige Ausgaben. Diese Idee hörte ich schon als 20-Jähriger, als der Salzburger Neutestamentler Prof. Wolfgang Beilner einmal in einer Vorlesung sagte: „Ich bete das Brevier auf Latein, damit ich diese Sprache nicht verlerne.“ Was wie eine Funktionalisierung des Gebets klingt, kann durchaus als geistliche Übung verstanden werden.

Jüngst betete ich die Vesper nach. Beim Hymnus verweilte ich eine Zeit bei diesem schönen Vers: „L’Ange ajouta: Que cherchez-vous? Le corps du Seigneur est chez vous, Restez ses hommes de confiance!“ – „Der Engel fügte hinzu: Was sucht ihr? Der Leib des Herrn ist bei euch, Bleibt seine Menschen des Vertrauens!“

Das Schöne, die altbekannte Osterbotschaft in einer Fremdsprache zu hören liegt darin, etwas Vertrautes in neuer Weise zu vernehmen. In der Muttersprache lese ich leicht drüber und mache mir keine Gedanken mehr; in einer Zweit-, Dritt- oder Viertsprache versuche ich bei jeder Zeile den Sinn zu erfassen und stoße damit zu ungeahnten Tiefen vor.

So hatte ich das Mysterium von Ostern, das wir jetzt bis Pfingsten begehen, noch nie direkt gehört: Der Leib, der vor 2000 Jahren den Menschen begegnete, am Kreuz hing und auferstand – er ist bei uns: Der Leib des Herrn! In der Eucharistie, in den anderen … Das französische „chez vous“ könnten wir auch übersetzen „in euch, bei euch zuhause, bei euch daheim“. Deshalb seid Menschen, seine Jünger und Jüngerinnen des Vertrauens. Auch wenn Ihr es nicht seht oder spürt, der Auferstandene geht mit Euch.