Ökumene II – Visionen

Lehner Gerold FotoWir dürfen uns nicht mit dem Status quo der Trennung abfinden – leider geht die Spaltung immer weiter, neue Konfessionen und Splittergruppen entstehen.


Worauf die Ökumene letztlich zielt, dürfen wir deshalb nicht aus den Augen verlieren. Dazu ein natürlich vorerst hypothetisches Gedankenexperiment.

Bei der Amtseinführung von Bischof Manfred Scheuer war auch der evangelische Superintendent Gerold Lehner dabei und sprach am Ende auch ein Grußwort. Da wurde die Trennung beider Kirchen klar vor Augen geführt. Die Ökumene hat das Anliegen, dass verschiedene Konfessionen so zueinander finden, dass sie in der Hierarchie einer vereinigten Kirche zusammengeführt sind, also trotz aller Unterschiedlichkeit einen Hirten haben und gemeinsam Eucharistie feiern. Wie kann es dazu kommen?

Einige Tage nach der Einführung des neuen Bischofs von Linz, über den ich glücklich bin, dachte ich nach, wie das mit der Einheit gehen müsste: im Zuge einer Wiedervereinigung würde ein katholischer oder evangelischer Christ Hirte aller Christen (oder zumindest der katholischen und evangelischen) sein. Gerold Lehner würde also dann als Nachfolger von Bischof Ludwig Schwarz von den anderen Bischöfen der benachbarten Diözesen zum Bischof geweiht und Leiter der einen Kirche sein. Ich kenne Superintendent Gerold Lehner gut. In seinem Büro finden sich evangelische Bücher friedvoll neben katholischen. Da steht Karl Barth neben Josef Ratzinger oder Luther neben Karl Rahner. Sie vertragen sich gut! Ich hätte kein Problem, einen solchen Theologen und tief gläubigen Menschen wie Gerold Lehner an der Spitze der vereinten Diözese Linz zu sehen. Die Evangelischen müssten umgekehrt sich vorstellen können, dass ein Bischof Manfred Scheuer auch ihr Oberhirte ist. Damit verbunden müssten beide Konfessionen sagen und fühlen können, die jeweils andere Konfession wäre eine authentische Ausprägung christlichen Glaubens und könne in einer vereinten Kirche trotz bleibender Fremdheit aufgenommen werden. Natürlich müssten viele Fragen bis dahin geklärt sein. Aber Visionen zeigen, wo wir am Ende ankommen müssten, damit wir endlich deutliche Schritte in diese Richtung setzen können.

Der evangelische Ökumeniker George Lindbeck sagte während meiner Studien in den USA zu mir einmal, er stelle sich die Einheit so vor, wie es in der katholischen Kirche die verschiedenen Orden gibt: Da sind Franziskaner und Benediktiner, Jesuiten und Dominikaner in einer Kirche selbstverständlich vereinigt, haben einen Ortsbischof und Papst und feiern natürlich gemeinsam Eucharistie. Und doch sind sie unterschiedlich. Sicher ein schiefes Bild, aber es zeigt eines: Für eine Vereinigung christlicher Kirchen braucht es keine Deckungsgleichheit! Es gäbe dann in der einen sichtbaren Kirche Jesu Christi z.B. in Oberösterreich hauptsächlich römisch-katholische Kirchen mit ihrem Ritus, dann aber auch einige lutherischen Kirchen mit ihrem eigenen Gottesdienst. Entscheidend dabei: Jede Konfession würde in der einen Kirche ihre Eigenheiten behalten können, aber dennoch innerlich durch kirchliches Amt und Gottesdienste zusammen gehören. Wie gesagt: Das ist jetzt noch nicht spruchreif, aber m.E. bedenkenswert. Superintendent Gerold Lehner und ich werden es nicht mehr erleben. Aber hoffentlich einmal – in ferner Zukunft – ein anderer Superintendent und ein anderer Pater in Kremsmünster!